Cantucci, mehr als nur ein einfaches toskanisches Gebäck … Tradition – Leidenschaft & Geschichte

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Cantucci, mehr als nur ein einfaches toskanisches Gebäck … Tradition – Leidenschaft & Geschichte

Besonderes Essen und besondere Momente im Leben

Ich verbinde sehr oft besondere Speisen, Getränken oder auch Süßigkeiten mit besonderen Momenten in meinem Leben.

Ich habe in meinen vielen Jahren als professioneller Hochzeitsplaner festgestellt, dass es vielen Menschen so geht.
Aus diesem Grund sorge ich dafür, dass dem Thema Essen und Trinken bei Hochzeiten in der Toskana auch eine besondere Bedeutung zu Teil wird.


photocredit: Alessandro Baglioni

Als ich unlängst in Pratos Innenstadt spazieren ging, um einen Abstecher zu Antonio Matteis Geschäft zu machen (zwecks meiner Original Cantucci) fiel mir ein neues Geschäft neben meinem Lieblings Café auf.

Es war ein Innenausstatter. Er hatte sein Geschäft zur Gänze auf das Thema Provence ausgerichtet. Ich war derart überrascht hat, dass ich doch tatsächlich durch das Schaufenster in den Geschäftsraum starrte. Die Rückwand war mit einer Tapete versehen, die einen großen historischen Gutshof zeigte, im Vordergrund blühende Lavendelfelder.
Plötzlich erinnerte ich mich an Aimée und den Geschmack meines Lieblingskonfekts: Calisson …


Urlaub in der Provence:
wie die Ferialpraktikantin Aimée aus der Provence zu einem Urlaub in Frankreich inspirierte

Während meinem Studium arbeitete ich auch in einem internationalen Konzern, der über die Sommermonate Ferialpraktikanten beschäftigte.
Meine Abteilung, international ausgerichtet, bemühte sich Studenten aus aller Herren Länder die Möglichkeit zu bitten in den Arbeitsalltag eines Konzern hineinzuschnuppern.
So kam es, dass wir in einem Sommer eine französische Studentin namens Aimée aus der Provence für zwei Monate hatten. Aimée sprach deutsch mit einem super süßen französischen Akzent. Sie liebte ihre Heimat, die Provence, über alles. Mal brachte sie Bonbons mit, mal andere kleine kulinarische Köstlichkeiten, um uns ihre Heimat näherzubringen. Also mich hatte sie überzeugt, ich war schon nach dem ersten Lavendelbonbon ein Fan der Provence, ohne jemals dort gewesen zu sein.

Als Aimées zweimonatiges Praktikum zu Ende ging, versprachen wir einander Kontakt zu halten und Aimée sprach eine Einladung für Weihnachten aus.
Ich nahm das damals nicht so ernst.
Obwohl der Gedanke in der Provence Weihnachten zu feiern, eine neue Kultur kennenzulernen, gefiel mir schon recht gut.

Im Oktober ging auch bei mir die Uni wieder los und ich erinnere mich, dass jede Nachricht von Aimée, die wirklich regelmäßig eintrafen, auch gleichzeitig eine Einladung zum Weihnachtsfest war.
Da Weihnachten für mich immer schon ein Fest in der Familie war, kam für mich der Gedanke Weihnachten mit Aimée und ihrer Familie in der Provence zu feiern zunächst gar nicht in Frage.

Eines Tages, es war Mitte November, erhielt ich ein Päckchen mit lauter Süßigkeiten aus der Provence. Aimée hatte mir die Lavendel Bonbons geschickt, die mir so gut geschmeckt hatten und auch ein echtes Provence-Lavendel Raum Deo.
Also, da fiel mir Nein sagen wirklich schwer.
Ich nahm die Einladung zum Weihnachtsfest an und auch meine Familie zeigte sich sehr erfreut.
Jetzt galt es Vorbereitungen zu treffen!

Ich suchte nach dem günstigsten Flugticket und überlegte was ich als Gastgeschenk aus Österreich mitbringen konnte, nebst den klassischen Mozartkugeln …
Und dann machte ich mich ans Französisch-lernen, zu mindestens die very basics wollte ich beherrschen und auch Aimées Familie auf Französisch begrüßen.

Ich verbrachte viel Zeit bei meiner damaligen Lieblingsbuchhandlung in Wien, dem Morawa in der Wollzeile, und suchte nach dem besten Reiseführer. Die nette Verkäuferin, sehr bemüht, war schon am Rande der Verzweiflung mit meinen Anforderungen an historischen Hintergründen, schönen Bildern, Top Spots und natürlich kulinarischen Infos. Ich war noch nie in der Provence und wollte natürlich bestens vorbereitet sein und zu 100% in die Kultur eintauchen.
Es wurden dann ein Dumont Reiseführer und ein wunderschöner Bildband.

Meine Vorstellungen von der Provence

Da ich bis dato noch nie in der Provence war, beschränkten sich meine Vorstellungen auf Lavendelfelder, blühend und wohlduftend ...


photocredit: Pixabay

Natürlich, rund um Weihnachten blühte kein Lavendel …
Also stellte ich mich auf einen eher milderen Winter mit Sonnenschein ein. Ja, ich packte sogar meine Sonnenbrille ein.

Die Stadt Orange in der Provence

Ich reiste am 22. Dezember nach Orange und war begeistert von dem was mich empfing.

Das bisschen Französisch, das ich mir in der relativ kurzen Zeit angeeignet hatte, war akzentfrei, was die Leute stets dazu ermunterte mit mir drauflos zu plaudern. Vor allem Aimées Großvater, der stets versuchte aus Kriegstagen und der französischen Geschichte zu erzählen.

Römisches Theater

Aimée lebte mit ihren Eltern auf ihrem großen historischen Gutshof 40 Autominuten von der Stadt Orange entfernt.
Der Gutshof war in 4. Generation in Familienbesitz und würde später an Aimées Bruder Pierre, fallen.

Aimée zeigte mir ihre Heimatstadt und ich war begeistert. Ich fand viele Parallelen zu meinem geliebten Italien. Beeindruckt war ich vom Römischen Theater, es versetzte mich auf Anhieb nach Sizilien.
Und dann war Heilig Abend …

Was für eine reich gedeckte Tafel …

Was ich dort gesehen hatte, ist bis heute einmalig.
Mal abgesehen davon, dass wirklich die ganze Familie zusammenkam, d.h. 2 Paar Großeltern, sämtliche Tanten und Onkeln mit deren Familien. Ich zählte insgesamt 57 Personen !!!

Aufgedeckt wurde im Eingangsbereich, den ich treffender als Vestibül beschreiben würde.
Der etwa 4 m hohe Christbaum glänzte aus der Ecke.
Aber was mich am meisten beeindruckte war das Essen.

Die Vorbereitungen dazu begannen am Vortag in Etappen, als auch in Etappen die Familie nach und nach eintrudelte. Und jeder half mit.
Ich durfte mich auch nützlich machen und den Tisch, sagen wir lieber die Tafel, eindecken.

Der Weihnachtsabend war einfach wunderbar und als wir dann zum Dessert kamen, tja da war es um mich geschehen.
Eine Köstlichkeit aus erfrischenden Orangen und Marzipan, die auf der Zunge zerging– Calisson …


photocredit: Tamorlan

Calisson d‘Aix

Calisson d’Aix gehören zu den sogenannten „Treize Desserts“ den 13 Desserts des Weihnachtsfests in Frankreich, genauer gesagt in der Provence. Dazu zählen:

  • Eine Variation aus dunklem und hellen Nougat
  • Fougasse à la fleur d’oranger (Brot)
  • Datteln
  • Quatre Mendiants – “Die vier Bettler“
    als Repräsentation der Ordensgesmeinschaften
    - Walnüsse und Haselnüsse für die Augustiner
    - Feigen für die Franziskaner
    - Mandeln für die Karmeliter
    - Rosinen für die Dominikaner
  • Zuckermelonen
  • Weintrauben, Apfel- Birnenmus
  • Korsische Orangen oder Clementinen
  • Trockenpflaumen
  • Walnüsse
  • Äpfel
  • Birnen
  • Furchtgelee oder Fruchtkonfekt
  • Calisson

Da mich immer der Ursprung interessiert, habe ich das Wort näher betrachtet.
„Calisson“ kommt vom französischen Wort „calin“ was auf Deutsch mit „kuscheln“ übersetzt wird, so mein Wörterbuch.
Kuscheln???
Also recherchierte ich weiter, bis ich endlich auf zwei Legenden stieß:

Der ersten Legende zufolge fand 1454 die Hochzeit von König Rene von Aix mit der viel jüngeren Prinzessin Jeanne de Laval statt. Die Prinzessin war alles andere als glücklich, da sie einen Mann heiraten musste, der doppelt so alt war wie sie. Die Calisson sollten die Prinzessin über den Kummer hinwegtrösten.

Eine weitere Legende bringt uns ins Jahr 1629.
Die Pest wütete auch in Aix trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der Bewohner. Daher mussten alle Einwohner in ihren Häusern bleiben. Um sicherzustellen, dass die Bewohner weiterhin beten konnten, wurden an allen Straßenecken Statuen der Hl. Jungfrau Maria in kleinen Nischen errichtet.
Die Lage wurde trotzdem immer schlimmer. Viele flohen aus der Stadt. Martelly, der Assistent des Konsuls blieb in der Stadt.
Er nahm an einer großen Messe teil und versprach jedes Jahr am 1. September zu Ehren der Schutzmutter der Stadt, der Jungfrau von Seds, eine Messe zu feiern, würde sie ihnen weiterhin beistehen.

Jedes Jahr am 1. September ertönten die Glocken der Kirche und bei der Heiligen Messe wurden an die versammelten Gläubigen Calissons verteilt, als Art Heiliges Brot, das vom Erzbischof geweiht wurden.
Noch heute wird „La Grande Fete du Calisson à Aix en Province“ mit einem feierlichen Umzug und einem Gottesdienst gefeiert.

„Signora, wollen Sie vielleicht hereinkommen und sich umsehen?“, eine freundliche Stimme riss mich aus meinem Tagtraum und ich blickte in das Gesicht eines freundlichen Herrn.
Offensichtlich hatte mein Tagtraum länger gedauert.
Es war mir peinlich und ich bedankte mich, lobte ihn für seinen ausgezeichneten Geschmack und machte mich auf den Weg zu Antonio Matteis Geschäft. Dort warteten schon meine Päckchen auf mich und ich plauderte kurz mit der Verkäuferin Maria, nicht ohne einer Kostprobe meiner geliebten Cantucci.

Cantucci oder Biscotti di Prato und Vinsanto

Cantucci haben auch noch einen anderen Namen.
Man nennt sie auch Biscotti di Prato auf Deutsch übersetzt: Kekse aus Prato, benannt nach ihrem Herkunftsort, der Stadt Prato. Cantucci werden in der Toskana das ganze Jahr über gegessen und von einem Glas Vinsanto begleitet.

Auf den Spuren der Cantucci, meine Entdeckungsreise

Die Stadt Prato liegt gute dreißig Autominuten von Florenz entfernt.
Prato wurde erstmals im 10. Jahrhundert n. Chr. Urkundlich erwähnt.
Zeitzeuge der Bedeutung Pratos im Mittelalter ist u.a. die Burg Friedrichs II, das Castello dell’Imperatore.


photocredit: Angela Lindner

Im Laufe der Zeit entwickelte sich Prato zum Textilzentrum Europas und wurde eine reiche Stadt.
Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs Prato mit seiner Stoffherstellung zu einer florierenden Industriestadt, dank der vielen Zuwanderer aus dem Süden Italiens.
Heute hat Prato aufgrund der starken Zuwanderer aus China, die ausschließlich in der Textilindustrie arbeiten, sogar ein eigenes Chinatown.

Das Geschäft von Antonio Mattei

Als ich das Geschäft das erste Mal betrat war mein erster Eindruck: klein, aber fein und sehr traditionell.
Und dann fiel mein Blick gleich auf die mit Cantucci gefüllten Packerl in blau, grün und rot entsprechend der Varianten.


photocredit: Angela Lindner

Beim genaueren Betrachten wurde meine Aufmerksamkeit von einem Schriftstück hinter Glas angezogen – es ging um die Weltausstellung in Paris …
Foto
In die Backstube durfte ich leider nicht hinein, verstehe ich auch.
Aber einen Eindruck wollte ich schon festhalten …


photocredit: Angela Lindner

Ich recherchierte ein wenig und stellte fest, dass auch die Cantucci eine Legende haben:

Die Entstehungsgeschichte der Cantucci und des Vinsanto

Die Legende erstreckt sich über den Zeitraum 1346 -1353, als der Schwarze Tod die italienische Halbinsel heimsuchte und unzählige Todesopfer forderte.
Wir befinden uns in Siena im Jahr 1348.
Die Legende erzählt von einem Franziskanermönch, der verzweifelt mit allen Mitteln versucht, den von der Pest Befallenen das Leben zu retten. Aus Verzweiflung schenkte er ihnen den Wein, der zur Feier der Messe verwendet wurde.

Wie aus Rebensaft der „Vinsanto“ wurde

Offensichtlich erholten sich die Kranken nicht wie durch Zauberei, aber ein einziger Schluck brachte ein angenehmes Gefühl der Erleichterung.
So verbreitete sich die Verabreichung von Wein bei der Messe und der Glaube, dass der Wein wundersame Eigenschaften enthielt. Damit wurde der Messwein zum berühmten „vinsanto“.

Florenz 1691

1583 wurde in Florenz die Accademia della Crusca gegründet. Bis heute ist ihre Aufgabe das Studium und das Bewahren der italienischen Sprache.

1691 findet sich erstmal ein Versuch "Cantuccio" zu definieren. Die damalige Definition lautete: Keksstücke aus Mehl mit Zucker und Eiweiß.

Amadio Baldanzi

100 Jahre später erscheint ein erstes offizielles Rezept. Amadio Baldanzi war Arzt und Gelehrter und lebte in Prato. Er verfasste viele Manuskripte, darunter auch „Erinnerungen an die Stadt Prato“, das als Basis für das Rezept der Cantucci diente. Heute erinnert eine Straße in Prato an Amadio Baldanzi.

Antonio Mattei

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts kam Antonio Mattei auf die Idee das ursprüngliche Rezept für die „Kekse aus Prato zu überarbeiten.
Er hat damit ein traditionelles Rezept geschaffen, das mit der Zeit sehr variantenreich geworden ist.

Weltausstellung in Paris

In jenen Tagen gab es bereits ein „Made in Italy“ und man war sehr stolz darauf. Ganz besonders Antonio Mattei, der seine Cantucci 1867 zur Weltausstellung nach Paris brachte. Bei dieser einzigartigen Gelegenheit fanden die Originalkekse aus Prato, die Cantucci, schnell Aufmerksamkeit und viele Anhänger.

Cantucci sind damit nicht nur ein Synonym für Eigentümlichkeit und Qualität, sondern auch für Kultur und Geschichte und Tradition.
Cantucci erzählen die Geschichte einer Region, die stolz auf ihre Produkte ist, die, obwohl bescheiden, verzaubern können.


photocredit: Angela Lindner

Zubereitung der Cantucci

Das Rezept findet ihr im download-Bereich

Wie und wann genießt man die Cantucci?

365 Tage im Jahr und am besten mit einem Glas Vinsanto!

 

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